Kyoto bei Nacht
Kyoto bei Nacht hat eine Ruhe, die tagsüber zwischen den Touristenströmen kaum spürbar ist. Ich war am Nachmittag durch die endlosen roten Torii-Tore des Fushimi-Inari-Taisha gewandert, Tor um Tor, bis der Wald sie verschluckte und die Stadt darunter zu einem fernen Rauschen wurde. Als ich zurückkam, hatte sich mein Magen gemeldet, und ich zog los, ohne Ziel, einfach der Nase und dem Licht nach.
Genau dieses Umherstreifen hat mich in eine Gasse geführt, die ich nicht gesucht hatte und die ich seitdem nicht vergessen habe. Papierlaternen hingen tief über schmalen Holzfassaden, ihr warmes Licht spiegelte sich auf nassem Pflaster, und aus offenen Türspalten drang Stimmengewirr und der Geruch von gegrilltem Fisch. Es fühlte sich an wie Gion, auch wenn ich nicht sicher war, ob ich tatsächlich dort stand oder nur in einer seiner vielen kleinen Schwestern.
Fotografisch ist Kyoto bei Nacht eine Übung in Geduld. Die Kamera auf offener Blende, das Stativ meist zu Hause, weil die Gassen zu eng und zu belebt für ein Dreibein sind, also freihändig, den Atem anhalten, auf den Moment warten, in dem sich niemand mehr durchs Bild schiebt. Man lernt, das Warten selbst zu mögen.
Von allen Städten, die ich in Japan besucht habe, ist Kyoto für mich vielleicht die liebste geblieben. Die alte Kaiserstadt trägt ihre Tempel und ihre Geschichte nicht wie ein Museum vor sich her, sondern wie etwas, das ganz selbstverständlich weiterlebt, Gasse für Gasse, Laterne für Laterne.
